BETHLEHEMSKAPELLE

Die Bethlehemskapelle hat heute eher einen historischen als architektonischen Wert. Im Prinzip ist die jetzige Kapelle in der Altstadt ein Neubau. Sie wurde Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts komplett rekonstruiert. Die ursprüngliche Kapelle, im Jahr 1391 gegründet, wurde drei Jahre später zu einer Predigtstätte, in der ausschließlich die tschechische Sprache erklang. Die Räumlichkeiten waren eigentlich nicht für Gottesdienste geeignet, es gab kein Presbyterium. Die Bethlehemskapelle war eine Predigtkirche, eine Stelle, wo sich im Spätmittelalter die Meinungen und Informationen massenweise verbreiteten. Während der Hussitenbewegung bekam hier die Gemeinde mit Brot und Wein Leib und Blut Christi gereicht (communio sub utraque specie). Die Kapelle spielte während der gesellschaftlichen Krise, an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert, ihre historische Rolle. In den Jahren 1402 – 1413 predigte hier der Professor und späterer Rektor der Karls-Universität, Jan Hus. Bis zu 3000 Menschen sollen seinen Predigten in der Bethlehemskapelle gefolgt sein. Jan Hus wurde 1415 als Häretiker in Konstanz verbrannt, doch seine Reformlehre lebte weiter und beeinflusste die böhmische Geschichte deutlich. Im Jahr 1521 predigte hier Thomas Müntzer, ein Vertreter der europaweit anerkannten Reformlehre. Mit der Schlacht am Weißen Berg änderte sich das Schicksal der Bethlehemskapelle. 1622 ging sie in Besitz des Jesuitenordens über, der sie in sein Schulsystem einordnete. Nachdem der Orden abgeschafft worden war, wurde die Kapelle im Jahr 1786 abgerissen und es entstand dort vorübergehend ein Holzlager. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde hier ein dreistöckiges Mietshaus gebaut.
Die Kommunisten haben die Hussitenbewegung und die Bedeutung von Jan Hus ihren ideologischen Zwecken angepasst und vereinnahmt. Sie bezeichneten das Hussitentum als einen Vorläufer der kommunistischen und sozialistischen Bewegung. Nach dem Jahr 1948 wurde das Mietshaus verstaatlicht. Nach gründlichen archäologischen Untersuchungen und unter der Leitung des Architekten Jaroslav Fragner wurde die Bethlehemskapelle rekonstruiert, eigentlich auf den erhaltenen Mauerfragmenten, neu erbaut. Das kommunistische Regime nutzte das wieder errichtete Bauwerk zur Propaganda der sozialistischen Ideologie und der historischen Weltansicht.
Heute finden hier Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen statt. Die Kapelle ist auch Festsaal verschiedener Universitäten von Prag.

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