GESCHICHTE – VYŠEHRAD (PRAGER HOCHBURG)

Die strategische Lage des Vyšehrad hatte schon die Vorfahren der Tschechen gelockt. Der 600 Meter lange Fels an der Moldau, der von der westlichen Seite von einem Bach namens Botič geschützt ist, war eine ideale Siedlungsstelle. Die ältesten Nachweise einer Ansiedlung stammen aus der Zeit 4000 – 3000 Jahre v. Chr.
Der Vyšehrad wurde in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts gegründet. Die kleine Kirche die an der Stelle der heutigen Alten Propstei stand, wurde in den achtziger Jahren des 10. Jahrhunderts gebaut, das bedeutet, dass Vyšehrad ungefähr 100 Jahre jünger als die Prager Burg ist. Die ersten Erwähnungen über Vyšehrad werden durch Aufschriften auf den Münzen der Regierungszeit Boleslav des Frommen (10. Jahrhundert) belegt. Damals existierte hier eine Holzburg mit Münzstätte. Die Cosmas-Chronik schildert die Bedeutung und Wichtigkeit dieser Burg am Anfang des 11. Jahrhunderts. Die Geschichte von Vyšehrad ist erst seit der Regierungszeit des Fürsten und Königs Vratislav II. (1061 bis 1092) besser nachzuverfolgen. Vratislav verlegte seine Residenz von der Prager Burg auf den Vyšehrad; Grund dafür waren vermutlich Machtstreitigkeiten mit seinem Bruder, Bischof Jaromír, während des sogenannten Investiturstreits. Es ging im Grunde darum, wer mehr Bedeutung hat: der weltliche Herrscher oder der Papst, in diesem Fall König Vratislav oder sein Bruder Jaromír. Nicht zufällig gründete Vratislav II. das Vyšehrader Kollegiatkapitel St. Peter und Paul, das nicht dem Prager Bischof unterstand sondern direkt dem weit entfernten römischen Papst. Vratislav II. wurde im Jahr 1085 dank der Kaiser Heinrich IV. geleisteten Hilfe zum ersten böhmischen König ernannt. Er gründete sein Palais im südwestlichen Teil des Burgareals über dem Vyšehrader Fels. Auch wurden die St.-Peter-und-Paul-Basilika und die St.-Martins-Rotunde errichtet. Vyšehrad war damals ein bedeutendes kulturelles Zentrum; dies beweist unter anderem das auβerordentlich wertvolle „Buchdenkmal“, das reichhaltig geschmückte Krönungsevangeliar Vratislav II. - Codex Wyssegradensis, das eine der bekanntesten romanischen Buchmalereien darstellt. Vyšehrad war bis zum Jahr 1140 die Residenz der böhmischen Herrscher. Danach kehrten die Fürsten und Könige zurück auf die Prager Burg. Jedoch blieb die Bedeutung von Vyšehrad dank dem Vyšehrader Kapitel erhalten. Das Kollegiatkapitel war vom Erzbischof von Mainz unabhängig, dem die formale kirchliche Struktur des böhmischen Reiches unterstand. Das Reichtum und die politische Macht des Vyšehrader Kapitels wuchsen.
Einen erneuten Aufschwung erlebte Vyšehrad während der Regierungszeit der Luxemburger, vor allem unter Karl IV., als die gotische Neustadt entstand. Die St.-Peter-und-Paul-Basilika wurde umgebaut und mit der Länge von 110 Metern zum gröβten Prager Dom. Im Burgareal wurden auch andere Kirchen und Kapellen errichtet, es standen hier Häuser der Kanoniker und auf den Abhängen wurden Weinberge angelegt. Im selben Zeitraum, in dem die Mauer der Prager Neustadt aufgebaut wurde, errichtete man hier auch eine gotische Befestigung. Innerhalb des Mauerrings lieβ Karl IV. einen prunkvollen Königspalast errichten. Auch dank der mit Vyšehrad zusammenhängenden Legenden war Vyšehrad für Karl IV. von groβer Bedeutung. Er erstellte eine Krönungsordnung, die auch die feierliche Ausstellung der Bastschuhe des Fürsten Přemysl der Pflüger (Přemysl Oráč) am Vorabend des Krönungszuges bestimmte.
Das Hussitentum führte zum Verfall des Vyšehrads. Sigismund von Luxemburg, der nach dem Tod seines Bruders Wenzel IV. einen berechtigten Anspruch auf den böhmischen Thron hatte, rief, nachdem der Hussitenkrieg ausgebrochen war, zu einem Kreuzzug gegen die böhmischen Häretiker auf. Der Kreuzzug ging jedoch verloren: Am 1. November 1420 wurden Sigismund und seine Kreuzritter in der Pankrác-Ebene, nahe Vyšehrad, wie auch in anderen Schlachten zuvor, von den Hussiten besiegt. Die Hussiten eroberten die Burg und zerstörten dabei nahezu alle Bauten. Vyšehrad wurde zu einer Ruine.
Während der Regierungszeit Georgs von Podiebrad, des Königs der Hussiten, beruhigte sich die politische Situation und Vyšehrad wurde wieder belebt. Im 15. Jahrhundert entstand auf dem heutigen Gebiet der Prager Stadtteile Nusle, Podolí und Braník ein Städtchen mit vielfältiger Bewohnerschaft. Das Vyšehrader Kapitel gewann seine bedeutende kirchliche Rolle wieder.
Zu einer grundsätzlichen Änderung des Vyšehrads kam es während und nach dem dreiβigjährigen Krieg, der im Mai 1618 als Aufstand der böhmischen Stände gegen die Habsburger ausbrach. Auslöser war der berühmte Prager Fenstersturz. Die militärtechnisch veraltete, ursprünglich gotische Burganlage, konnte neuen Angriffsmethoden, Waffen und Kampfstrategien nicht widerstehen. Schon am Anfang des Krieges fing man mit der Verbesserung am Wehrsystem von Vyšehrad an. An den am meisten gefährdeten Stellen des Wehrsystems wurden Bastionen gebaut, vor allem beim sogenannten „Špička“ Tor – dem Zugang von der Pankracer Ebene. Nach dem dreiβigjährigen Krieg war die richtige Zeit für einen kompletten, systematischen Umbau des Vyšehrads gekommen. Die Burg sollte zu einer modernen militärischen Festung werden. Im Jahr 1656 genehmigte der damalige Kaiser Ferdinand III. den Bau der neuen Festung. Die Arbeiten leitete Graf Conti unter Aufsicht von Josef Priami. Am Bau waren die barocken Baumeister Carlo Lurago, Giovanni de Capauli und Santino de Bossi beteiligt. Die Festung hatte die Form eines unregelmäβigen Fünfecks. Die Eckbasteien (die äuβeren Teile der Festung) sind mit Nummern und Namen der Heiligen bezeichnet (hl. Bernard, hl. Petrus, hl. Ludmilla usw.) Die äuβere abgeschrägte Backsteinmauer, die die einzelnen Basteien verbindet, hat ein Steinfundament. Sie hat die Stärke von 2,5 bis 5 Meter, die Höhe von 13 bis 18 Meter. Die Festungswälle sind durch Flure - Kasematten verbunden. Die Kasematten wurden im Jahr 1742 nach dem Projekt des Militäringenieurs, General de Berdiquier, gebaut. Die Kasematten dienten als Zugangsflure zu den Schützenstellungen, Gewehr- und Proviantlager, Wohn- und Bereitschaftskasematten, Lüftungs- und Entwässerungssystem. Sie waren auch eine ideale Stelle für die Garnison. Die Kasematten auf Vyšehrad sind vom Ziegel-Tor (auch Chotek-Tor genannt) zugänglich. Zum Tor gelangen Sie von der Eisenbahnbrücke. Die Kasematten sind ungefähr 1 km lang, die Flure sind etwa 2 m hoch und 1,5 m breit. Wenn Sie den rechten Eingang benutzen, kommen Sie in einen großen Saal namens Gorlice. Dieser diente als Bereitschaftskasematte und Lager; ab dem Jahr 1971 verwaltet ihn das nationale Kulturdenkmal Vyšehrad und er wird als Depositorium genutzt. Es befinden sich hier einige Originalstatuen der Karlsbrücke. Zur Festung gehörte auch ein barockes Rüsthaus, das 82 auf 29 Meter hatte. Im Jahr 1927 ist es jedoch ausgebrannt. Wegen des Baus der Festung, der mehr als 50 Jahre dauerte, wurden Kirchen und Häuser abgerissen. Im Jahr 1744 wäre die Festung beinahe zu einem Ende gekommen. Die Preußen ergriffen Besitz von Vyšehrad und wollten die Festung in die Luft sprengen. Dazu sollten 133 Fässer Schieβpulver benutzt werden. Kurz bevor der letzte Soldat die Lunte anzünden wollte, drangen 3 Männer aus der Ortschaft Podskalí in die Kasematten ein und beschädigten das Zündsystem. Der Vyšehrad wurde gerettet!
Die Festung von Vyšehrad hat nie wesentlich zur Verteidigung der Stadt beigetragen, sie war zu weit von den Stadtteilen entfernt. Die Armee verbesserte die Festung auch in späteren Zeiten, die Verteidigungsaufgabe wurde aber niemals erfüllt. Die Niederlage im Krieg mit Preuβen bestätigte, dass das Abwehrsystem der Stadt veraltet ist. Die Armee entschied über den Verkauf und die Liquidation der Festung. Im Jahr 1911 wurde Vyšehrad der Stadt übergeben und begann gesellschaftlichen Zwecken zu dienen. Vyšehrad wurde zu einer bedeutenden historischen und symbolischen Stelle des Nationalstolzes.
Nach dem zweiten Weltkrieg, in den sozialistischen Zeiten, gab es nur geringes Interesse und Finanzmittel um Vyšehrad einen größeren Stellenwert zu verschaffen. Erst nach dem Jahr 1989 wurde Vyšehrad nach und nach rekonstruiert. Heute ist er eine einzigartige von Touristen und den Pragern aufgesuchte Sehenswürdigkeit. Im Vyšehrader Areal gibt es eine ganze Reihe von interessanten Stellen, die einen Besuch wert sind.

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